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100 Jahre Maji-Maji Aufstand
(Aus: Missionsblätter von St.Ottilien 2/2005)
Der große Sturm
Der Maji-Maji-Aufstand und Benediktinermission
TEXT: Abt Lambert Doerr, Peramiho
Im Juli 1905 erhoben sich zahlreiche Stämme gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Deutsch-Ostafrika. Die Reaktion der deutschen Kolonialtruppen war verheerend. Schätzungen zufolge gab es bis 1907 gegen 100.000 Todesopfer. Auch die Benediktinermission wurde als Teil der verhassten Fremdherrschaft gesehen und schwer geschädigt.
Im Jahre 1905 unternahm der junge Abt Norbert Weber von St. Ottilien eine Visitationsreise nach Ostafrika. Sein Reisebegleiter, P. Cyrillus Wehrmeister, beschrieb anschließend in dem immer noch lesenswerten Buch »Vor dem Sturm« ihre Erlebnisse, zumal die kriegerischen Auseinandersetzungen, die unter dem Namen Maji-Maji bekannt wurden. Für die Benediktinermission im Süden des heutigen Tansania war dies in der Tat ein gewaltiger Sturm: Vier Stationen, nämlich Lukuledi, Nyangao, Peramiho und Kigonsera, wurden zerstört, und sieben Mönche und Schwestern verloren ihr Leben.
HINTERGRÜNDE DES AUFSTANDS
Was war Maji-Maji? Für die damalige Kolonialregierung war es einfach ein Aufstand gegen die deutsche Herrschaft. Für die Tansanianer einer späteren Generation war es der Beginn ihres Unabhängigkeitskampfes, wie der spätere Präsident Nyerere in den 50er Jahren vor der UNO ausführte. In Wirklichkeit war dieser Krieg wohl ein letztes Aufbäumen gegen all die Veränderungen, welche die Kolonialherrschaft mit sich gebracht hatte, zumal die Zerstörung der überkommenen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen. Neu bei dieser Widerstandsbewegung war, dass eine große Zahl verschiedener Volksgruppen daran teilnahmen, selbst Gruppen, die zuvor miteinander verfeindet waren. Die Beweggründe für die Beteiligung waren dann auch unterschiedlich. Im Rufijidelta richtete sich der Widerstand gegen den zwangsweisen Anbau von Baumwolle. Die kriegerischen Wangoni schlossen sich an, weil das Kolonialsystem ihnen die Möglichkeit nahm, weiter Eroberungszüge zu unternehmen, deren Beute für sie ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor war.
ZAUBERWASSER
Sowohl beim Beginn wie auch bei der Ausbreitung der Maji-Maji-Bewegung spielten traditionelle religiöse Vorstellungen eine wichtige Rolle. Es war eine religiöse Gestalt, heute als Prophet bezeichnet, der den Anstoß gab mit einer Botschaft, die zum Widerstand gegen die Fremdherrschaft aufrief. Er versprach den Kämpfern Unverwundbarkeit, wenn sie seine Medizin (dawa) annahmen, eine magische Mixtur von Wasser und Hirsekörnern. Wenn sie diese Medizin tranken, sollten sich die deutschen Kugeln in Wasser verwandeln. Daher der Name der Widerstandsbewegung, Maji-Maji, vom Swahiliwort Maji = Wasser. Diese Botschaft wurde zu den verschiedenen Volksgruppen im Süden des Landes gebracht und von vielen angenommen, selbst als die ersten kriegerischen Auseinandersetzungen schnell deutlich machten, dass diese Medizin unwirksam war. Bei den kriegerischen Wangoni war dagegen die Reaktion eher eine trotzige Skepsis, etwa: »Lasst uns alle sterben!«
Die zerstörte Kirche von Peramiho.
UNTERDRÜCKUNG UND HUNGER
Für die Menschen im Süden Tansanias war Maji-Maji ein einschneidendes Ereignis. Viele verloren ihr Leben, aber noch weit mehr in der folgenden Zeit der gewaltsamen Unterdrückung, als die deutschen Behörden eine Politik der verbrannten Erde befolgten, die zu einer großen Hungersnot führte. Auch für die Benediktiner war Maji-Maji schlicht eine Katastrophe mit dem Tode einer Anzahl von Missionaren und ihrer Gläubigen, der Zerstörung ihrer Missionen und der Zerstreuung der jungen Gemeinden. Die mühevolle Arbeit des Wiederaufbaus der Stationen und des Sammelns der Versprengten Christen begann rasch, wurde aber erschwert durch die grausamen Unter¬drückungsmaßnahmen der Behörden. Die Missionare, zumal in Peramiho, unternahmen alles Menschenmögliche, um die Not zu lindern, auch wenn nur mit begrenztem Erfolg. Nur mit Erschütterung kann man das Totenbuch von Peramiho studieren, wo bei vielen Fällen als Todesursache der Hunger angegeben ist. In Kigonsera war P. Johannes Häfliger ein unerschrockener Verteidiger der hilflosen Bevölkerung. Sein Konflikt mit dem Distrikthauptmann von Songea führte dazu, dass der Gouverneur Bischof Thomas Spreiter zwang, den Missionar zu versetzen.
VERLORENES VERTRAUEN
Es dauerte Jahre, bis sich die Situation wieder normalisierte. Andererseits ist es eine unbestrittene Tatsache, dass sich die gesamte Lage mit Maji-Maji von Grund auf geändert hatte. Als der damalige P. Cassian Spiss im Jahre 1898 die Station Peramiho gründete, legte er großen Wert auf gute Beziehungen zu den verantwortlichen Häuptlingen der Wangoni. Dabei schwang die Hoffnung mit, dass mit deren Bekehrung zum Christentum die Masse der Bevölkerung für den christlichen Glauben gewonnen werden könnte. Es gab hoffnungsvolle Anzeichen. Aber bevor sich diese erfüllen konnten, müsset P. Cassian nach seiner Ernennung zum Bischof Peramiho verlassen. Sein Nachfolger, der äußerst seeleneifrige P. Franziskus Leuthner, hatte leider nicht das gleiche Einfühlungsvermögen, und es kam bald zu einem offenen Konflikt zwischen der regierenden Schicht der Wangoni und der Mission. P. Cassian hatte gehofft, dass durch die Vermittlung der Mission den Wangoni die Anpassung an die koloniale Situation erleichtert werden könnte. Diese Vermittlungsrolle der Mission war aber nun unglaubwürdig geworden. Es ist allerdings zweifelhaft, ob selbst der von den Leuten so sehr geschätzte P. Cassian die Teilnahme der Wangoni an Maji-Maji hätte verhindern können.
NEUE CHANCE
Nicht nur für die Missionare, sondern auch für die Bevölkerung hatte sich die Situation grundlegend gewandelt. Mit dem Scheitern der Bewegung kam die Erkenntnis, dass die alten Zeiten unwiederbringlich vorbei waren und die Fremdherrschaft eine unumstößliche Tatsache geworden war. Außerdem hatten die überkommenen religiösen Vorstellungen ihre Glaubwürdigkeit eingebüsst. Um beim Beispiel von Peramiho zu bleiben, dürfte es bezeichnend sein, dass die Mehrzahl der Wangonihäuptlinge, die in Maji-Maji eine führende Rolle gespielt hatten, vor ihrer Hinrichtung von P. Johannes Häfliger die Taufe erbaten. Unter diesen Umständen war es den Bewohnern des Landes klar geworden, dass sie sich der kolonialen Situation anpassen mussten. Viele suchten Hilfe bei der Mission, insbesondere den Missionsschulen, zumal die Mission als einzige in der Notzeit nach dem Krieg den Menschen geholfen hatte. So erwuchs aus der Katastrophe von 1905 für die Benediktinermission eine neue Chance.
»Bußruf an die Mission«
Hintergründe des Maji-Maji-Aufstandes
TEXT: Dr. Hans-Joachim Niesel, Berlin
Missionsgesellschaften und Regierung arbeiteten während der Kolonialzeit eng zusammen. Der Zorn über Mißstände der Fremdherrschaft richtete sich daher auch gegen die Missionare. Doch auch kulturelle Gegensätze und Konkurrenzdenken spielten beim Maji-Maji-Aufstand eine Rolle. Ende Juli wird es hundert Jahre her sein, dass im Süden Tansanias, der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, ein Aufstand gegen die schon über zwanzig Jahre andauernde Kolonialverwaltung ausbrach.
DIE VORKOLONIALE ZEIT
Bis dahin waren Häuptlinge Alleinherrscher mit unbeschränkter Macht – auch über Leben und Tod. Zwar standen ihnen Berater zur Seite, doch waren diese nicht unabhängig, sondern lebten vom Wohlwollen der Potentaten. Hinzu kam, dass Medizinmänner oder Zauberer, die von den Einnahmen ihrer »Kunst« lebten, die Menschen durch Weissagung und Ahnenkult oft in Angst und Schrecken versetzten. Durch Zuwanderung von Teilen des kriegerischen Zuluvolkes aus Südafrika am Anfang des 19. Jahrhunderts waren zudem heftige »Stammeskriege« ausgebrochen. Die vorkoloniale Ära kann nicht als eine Periode von Frieden und Wohlergehen bezeichnet werden, wie heute gern verbreitet wird.
GRÜNDE FÜR UNZUFRIEDENHEIT
Doch war auch die Kolonialzeit keinesfalls frei von Konflikten. Es gab vielerlei Gründe, sich gegen die Methoden der Eindringlinge aufzulehnen:
• Respektloses Auftreten der Kolonialherren und ihrer Vertreter (Akida) gegenüber den traditionellen Herrschern. • Rigoroses Eintreiben von Steuern in Form von Bargeld. • Harte Arbeit z.B. im Straßen- und Bahnbau oder auf Regierungsstationen. • Zwangsweiser Anbau von Baumwolle auf kommunalen Feldern in der Küstenregion. • Verbot von Großwildjagd und Abholzen von Bäumen; Auflagen zum Gewässerschutz, etc. • Zwang, die Kinder auf (Missions-) Schulen zu schicken. • Rigorose Strafen bei jedem Versäumnis oder bei Übertretung von Anordnungen.
STRATEGIE DER MISSIONSSTATIONEN
Da der Reichstag keine ausreichenden Mittel für die Kolonie bewilligte, begrüßte man den Wunsch vieler Missionsgesellschaften, in den Süden zu gehen. In Übereinkunft mit der Kolonialverwaltung wurden Missionsstationen errichtet. Sie passten sich weitgehend einem Generalplan an: Missionsstationen, Verwaltungssitze und Militärstationen sollten gemeinsam Sicherheit gewährleisten. Im Süden Tansanias gab es bis 1905 mehr Mission- als Regierungsstationen. Denn die Missionare waren oft zuerst am Ort. Die Auswahl des Geländes für eine Missionsstation unterlag bestimmten Bedingungen. Dazu gehörte die formale Zustimmung des ortsansässigen Häuptlings. Vor allem den Benediktinern ging es darum, mit der Bekehrung »am Hofe des lokalen Potentaten« zu beginnen, um dann mit seiner Unterstützung das Volk zu gewinnen. Deshalb war es ein positives Signal, wenn Häuptlinge um die Ansiedlung von Missionaren baten. Weitere Voraussetzungen waren: Gut besiedelter Landstrich mit nichtislamisierter, zugänglicher Bevölkerung, die bereit war, gegen Entlohnung bei der Aufbauarbeit mitzuwirken.
KONKURRENZ FÜR HÄUPTLINGE
Ein Dilemma erwuchs aus der Tatsache, daß die Missionen zunächst auf das Wohlwollen der lokalen Herrscher angewiesen waren. Die Missionstätigkeit aber führte zu einem Niedergang ihres Einflusses. Offiziell bat die Verwaltung die Missionen, die Rechtsprechung in Straf- und Bagatellsachen der Eingeborenen zu übernehmen. So wurde es den Missionen möglich, lenkend auf die Häuptlinge einzuwirken. Dass die einheimischen Führer sich dieser »Konkurrenz« entledigen wollten, ist verständlich.
Kontakt zu den Afrikanern entstand zuerst über die Arbeit beim Aufbau der Stationen. Gewöhnung an die Fremden schaffte Vertrauen. Freundliche und vor allem gerechte Behandlung waren wichtiger, als eine Predigt in fehlerhafter Sprache. Auf den Stationen der protestantischen Berliner Missionsgesellschaft wurden die Afrikaner einer strikten »Platzordnung« unterworfen, die den Missionar de facto zum neuen Herrscher machte. Er vermochte aber, den Zögling gegen unberechtigte Forderungen von Häuptlingen und Kolonialverwaltung in Schutz zu nehmen. Aus Sicht der traditionell Herrschenden bestand zwischen Missionaren, Siedlern und Soldaten, Akiden und Indern, die als Unterdrücker galten, kein Unterschied. Dafür sprach häufig der Augenschein: Soldaten machten Rast auf Missionsstationen, Steuereintreiber gingen von dort aus ihren Geschäften nach. Missionare lieferten manchen Unruhestifter oder Kriminellen an die Regierungsstation aus.
ROLLE DES SCHULZWANGS
Gerade den Benediktinern wurde vorgeworfen, »eine Art Schulzwang« ausgeübt zu haben, der zum Überlaufen der Gläubigen zu den Rebellen und zum Angriff auf Missionsstationen geführt habe. Abgesehen davon, dass auch die protestantischen Missionare den Eltern der »Schulschwänzer« nach Landessitte die Hacken für den Feldbau wegnahmen, lief bei den benediktinischen Stationen mit dem schärfsten »Schulzwang« (Nyangao und Lukuledi) nur eine kleine Minderheit zu den Aufständischen über. Die katholischen Stationen lagen näher am Entstehungsort der Rebellion, waren zuerst vom Volkszorn betroffen. Peramiho in Ungoni befand sich im Zentrum eines Aufstandsherdes mit mächtigen Häuptlingen. Naturgemäß schlossen sich dort die Missionszöglinge den Aufständischen eher an als im benachbarten Kigonsera, wo kein »Katholik« abfiel. Dort konnte Pater Johannes Häflinger den Wangoni-Häuptling Putire Gama von seiner Angriffslust abbringen. Auch bewegten die Benediktiner im Bereich der Militärstation Mahenge Sultan Mlolero, Träger und Hilfskrieger zu stellen.
ROLLE DER ZWANGSARBEIT
Zur Zwangsarbeit, einem wiederholt genannten Grund für die Rebellion sei angemerkt, daß es im Reichstag und in der Öffentlichkeit eine Kontroverse über die Bedeutung der Arbeit »in der Erziehung des Negers« gab. Generell steht fest: Alle Missionen legten Wert darauf, dass die in ihrem unmittelbaren Einflußgebiet lebenden Afrikaner für ihren Lebensunterhalt aufzukommen, d.h. zu arbeiten hätten. Im Übrigen zogen viele Afrikaner vor, das Bargeld für die Hüttensteuer lieber auf der Mission zu verdienen, wo es keine »Kiboko« (Nilpferdpeitsche) gab, als bei einem Pflanzer oder der Regierungsstation.
Dennoch ist nach heutiger Auffassung den Missionen der Vorwurf nicht zu ersparen, eine zentrale Rolle bei der Auflösung tradierter Lebensweisen und vor allem religiös-politischer Kult- und Denkformen gespielt zu haben. Den Zusammenprall der Kulturen bewertet der protestantische Berliner Missionar Gröschel wie folgt:
»Doch ist der Aufstand auch ein gewaltiger ernster Bußruf an die ganze Kolonie und weit darüber hinaus, nicht zuletzt auch an uns Missionare«.
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